Tagblatt: Gefährlich wird’s am Netz

2. Februar 2018

Volleyball-Bundesliga: Verletzungsbedingte Ausfälle wie selten hat der TV Rottenburg in dieser Saison. Mannschaftsarzt Maik Schwitalle spricht über diese Misere.

Noch sieben Spiele hat der TV Rottenburg in dieser Saison. Doch die Runde kann jetzt schon als verkorkst bezeichnet werden; nach 13 Spielen hat der TVR erst ein Spiel gewonnen. Unter anderem auch, weil er mit ungewöhnlich vielen Verletzungsproblemen zu kämpfen hat: Diese Woche verletzte sich Timon Schippmann an der Fußsohle – der Außenangreifer wurde erst im Dezember verpflichtet, weil Phillip Trenkler wegen Rückenschmerzen ausfällt.

TVR-Mannschaftsarzt Maik Schwitalle vom Rottenburger Winghofer Medium spricht im TAGBLATT-Interview über diese ungewöhnliche Häufung von verletzten Spielern, warum Mittelblocker besonders gefährdet sind – und Liberos nicht.

TAGBLATT: Herr Schwitalle, kann Timon Schippmann am Samstag gegen Berlin spielen?

Maik Schwitalle: Aller Wahrscheinlichkeit nach ja. Das wird sich heute nach einer Untersuchung entscheiden.

Jahrelang gab es so gut wie keine Verletzten beim TVR, jetzt fielen Friederich Nagel und Phillip Trenkler länger verletzt aus, Tim Grozer und Idner Martins mussten mal kürzer treten wegen Verletzungen. Zufall?

Eigentlich ist es schon irgendwo eine unglückliche Verkettung. Es ist keine Abweichung vom Standard. In der Hinrunde geht es eigentlich immer gut, aber dann kommt man an seine Grenzen. Man muss auch sehen: Es sind nicht alles Profis. Die gehen zur Uni, die gehen zur Arbeit, die fahren mit dem Auto durch den Stadtverkehr oder auf der Autobahn zum Training. Viele dieser semiprofessionellen Sportler haben schon eine Doppelbelastung. Das ist bei uns auch zu sehen, dass wir, gerade wenn die Rückrunde los geht, viele Überlastungsgeschichten haben.

Wobei es in dieser Saison schon in der Hinrunde diese Verletzungen gab.

Alle unsere Standards um die Spieler sind identisch. Wir machen für jeden Spieler zu Saisonbeginn diese Schwachstellen-Analyse. Die Physios sind jeden Tag für die Spieler am Ball. Nehmen wir mal das Beispiel Friederich Nagel.

. der Mittelblocker verletzte sich gleich zwei Mal: erst Bänderriss im rechten, dann im linken Fuß.

Er knickt zwei Mal um. Das kann mal passieren. Ich würde wirklich von einer unglücklichen Häufung von Vorfällen reden.

Sie sprechen von einer Doppelbelastung der semiprofessionellen Spieler. Würde es weniger Verletzte geben, wenn die TVR-Spieler alle Vollprofis wären?

Die Spieler von uns, die haben einfach weniger Zeit für Regeneration, das muss man sagen. Professionell Hochleistungssport zu betreiben, bedeutet ja nicht nur zu trainieren oder Wettkämpfe zu haben. Es bedeutet auch – und das ist mindestens so wichtig – Regenerationszeit zu haben.

Zeit für Behandlungen und Massage?

Genau. Das beginnt aber auch mit Zeit haben zum Schlafen. Zeit haben zum Essen, sich gut zu ernähren. Dann kannst du auch wieder voll angreifen im Training, im Wettkampf. Unsere Spieler haben letzten Endes, was ihren Körper betrifft, eine höhere Belastung als Profis, weil sie eben nicht so viel Regeneration haben.

Sind Sie involviert ins Training? Das muss ja daher sicher anders gesteuert werden als bei Vollprofis.

Ja, schon. Die medizinische Abteilung spielt bei uns eine ganz große Rolle. Vor allem in solchen Phasen wie jetzt mit Timon Schippmann, wo sich die Frage stellt, was darf er, was darf er nicht? Früher, da hat man am Abend an alle möglichen Leute Mails verschickt. Heute haben wir eine Informationsgruppe, wenn der Spieler die Praxis verlässt, wissen in derselben Minute Manager, Co-Trainer, Trainer und die Physios Bescheid. Da sind dann alle auf dem selben Stand – das finde ich sensationell! Beim Fußball ist das auch so, hier beim FC Rottenburg.

Dort sind Sie auch der Teamarzt.

Ja, und da gibt es auch eine Information, das hat der Spieler, das darf er, das darf er nicht. Dann stellen die Trainer einen speziellen Trainingsplan auf. Im Volleyball beispielsweise gibt es ganz klare Ansagen wie zwei Tage nichts, ein Tag nur Annahme, kein Springen. Und dann sind die Physios mit im Training – da dreht ein großes Rad.

Gibt es bei Volleyballspielern neuralgische Punkte, an denen sie verletzungsanfälliger sind?

Die Schulter auf jeden Fall. Da wird ganz viel trainiert, da wird prophylaktisch sehr viel gemacht. Und das Kniegelenk. Aber was man sagen muss: Im Volleyball spielen eigentlich die akuten Geschichten überhaupt nicht so die Rolle. Es ist ja keine Kontaktsportart wie Handball, wo plötzlich hundert Kilo am Wurfarm vom Gegner hängen – da hat man ja schon Angst beim Zuschauen! Beim Volleyball sind die Spieler weit weg vom Gegner. Ich habe da einen schönen Artikel, der liegt bei uns in der Klinik aus: “Die Gefahr lauert am Netz”.

Weil die Spieler da auch dem Gegner näher sind?

Ja, nehmen wir nur das Beispiel Friederich Nagel und Lars Wilmsen, die beiden Mittelblocker. Die haben jeweils zwei Füße, sind vier. Drüben blocken nochmal drei Spieler, sind sechs Füße: Da landen zehn Füße auf zwei Quadratmetern.

Und Nagel verletzte sich im Training zwei Mal, weil er jeweils auf die Füße des Gegners gelandet und dabei umgeknickt ist.

Genau!

Das heißt, Mittelblocker sind die verletzungsgefährdetsten Spieler?

Ja. Und die entspannteste Position diesbezüglich ist also wer?

Der Libero?

Ja, genau.

Da gab’s auch nie was in Ihren 15 Jahren als TVR-Mannschaftsarzt?

Willy Belizer war in dieser Zeit zwei oder drei Mal bei mir. Immer zur Vorsorge.

Belizer war 16 Jahre Libero beim TVR. Sein Nachfolger Johannes Elsäßer hatte auch nie eine Verletzung?

Nein. Ein bisschen Rücken, aber mein Gott. Die Liberos, die haben gar nichts – oder sagen wir wenig, aber wirklich wenig. Aber was ich nochmal sagen will: Im Volleyball sind diese akuten Verletzungen wie jetzt bei Nagel und Schippmann gar nicht so das Riesenproblem, sondern eher diese Überlastungsgeschichten. Weil es eine Stop-and-go-Sportart ist mit vielen belastenden, immer wiederkehrenden Elementen: anlaufen, abspringen, landen. Und das Ganze – weiß der Geier! – tausend Mal.

Gibt es gesundheitliche Nachwirkungen für Volleyballspieler auf diesem Niveau? Handballer oder Fußballer klagen ja im Alter gerne über Knieschmerzen oder Arthrose.

Eigentlich nicht. Der Körper verzeiht ja vieles. Und sobald diese akute Belastung rum ist, kann man sich gut erholen. Wenn man nur genügend Zeit hat.

Zweiter gegen Erster in der Zuschauertabelle

 

Der Meister kommt: Die Berlin Volleys spielen am Samstag (19.30 Uhr) in der Tübinger Paul-Horn-Halle. Der TV Rottenburg spricht diesbezüglich gerne vom “Tollhaus der Liga”. Wohl zurecht: Die Zuschauer-Tabelle ist diese Saison die einzige, in der die Rottenburger Volleyballer weit vorne liegen. 1879 Zuschauer beträgt der Besucherschnitt bisher, was den 2. Platz unter den 11 Bundesligateams bedeutet. “Diesen zweiten Platz wollen wir auch halten”, sagt TVR-Manager Philipp Vollmer. Der Dritte, die Rhein-Main United Volleys, sind zurzeit mit 1703 Zuschauern aufgelistet. Erster ist dort der Samstags-Gegner aus Berlin mit 4792 Zuschauern – was den Zuschauerzuspruch betrifft, kommt es am Samstag also zu einem Spitzenspiel.

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